Zu den Anfängen unseres ökumenischen Engagements

Jesus Christus Pantokrator
Besuch des rumänisch-orthodoxen Patriarchen Justinian am 10. Oktober 1970
Abt Emmanuel Heufelder
Der Brauereitrakt 1955. Hier wird 1986 die St.-Nikolaus-Kirche eingeweiht.
Die 1955 eingerichtete, alte byzantinische Kirche (heute Klosterladen)
Gottesdienst in der alten byzantinischen Kirche
Ökumenische Treffen mit den Mitgliedern des Konfessions-kundlichen Instituts des Evangelischen Bundes (v.l.: R. Frieling, P. Gerhard, Fr. Ephräm, E. Geldbach, W. Schöpsdau, P. Emmanuel, P. Irenäus)

Seine ökumenische Ausrichtung verdankt die Abtei Niederaltaich maßgeblich Abt Emmanuel Heufelder (1898-1982). Rückblickend schrieb er: „Die ersten Anfänge der ökumenischen Arbeit Niederaltaichs liegen, ohne dass ich es ahnen konnte, in meinem Noviziatsjahr. Ich beschäftigte mich damals sehr mit dem Johannesevangelium ...“

Bewegt vom Hohepriesterlichen Gebet Christi machte er sich schon als junger Benediktiner die inständige Bitte des Herrn, „dass alle eins seien“ (Joh 17), zum Herzensanliegen. Während seines Noviziats in der Abtei Schäftlarn (1919/20) bezog er die Bitte zunächst auf die klösterliche Gemeinschaft, bald schon weitete sich der Einheitsgedanke jedoch auf alle Christen und die gesamte Menschheit.

„Eingedenk jener Worte, mit denen der Erlöser des Menschengeschlechts im Angesicht des Todes seinen Vater anflehte, dass alle eins seien“, beginnt auch Papst Pius XI. sein apostolisches Schreiben Equidem verba vom 21. März 1924. Er lädt darin die „eifrigen“ kulturschaffenden Benediktiner, die ja durch die gemeinsamen Mönchsväter geistig eng mit der Ostkirche verbunden sind, ein „zu inständigem Gebet zu Gott um die Einheit sowie zu tätiger Inangriffnahme zweckdienlicher Werke“. Besonders hat Pius XI. die russischen Volksscharen im Sinn, über die seit der Oktoberrevolution 1917 große Leiden hereingebrochen waren. Sein Wunsch war, hierfür pro Kongregation je eine Abtei mit ausgewählten Mönchen zu bestimmen, die – „entsprechend gründlich ausgebildet in Sprache, Geschichte, Charakter und Geistesart, besonders aber in Theologie und Liturgie jener Völker – recht befähigt wären, das Werk der Einheit zu fördern“. Sie sollten zudem „durch Wort und Schrift dazu beitragen, dass auch im Abendland die Sehnsucht nach Einheit und die Kenntnis der Kontroverspunkte zwischen dem Osten und uns sich erweitert“. „Es ist mir unvergeßlich, wie mich dieser päpstliche Aufruf innerlich traf“, schrieb P. Emmanuel später, doch „nicht entfernt dachte ich daran, daß ich selber etwas in dieser Richtung tun könnte“ (Die beiden Türme 25 [1974] 2).

Im Juni 1934 wurde P. Emmanuel als Prior nach Niederaltaich berufen, um der Gemeinschaft eine tragfähige geistliche Ausrichtung zu geben. Die Abtei, die nach langer Unterbrechung seit der Aufhebung 1803 erst 1918 wieder besiedelt werden konnte, war in finanzielle Not geraten. Der Ruf nach Niederaltaich ließ die Geschichte der Abtei lebendig werden. Sie war 741 von Bayernherzog Odilo gegründet worden, um die sog. Ostmark zu kultivieren und zu missionieren, was die Mönche über die Jahrhunderte auch tatkräftig bewerkstelligten. So war z.B. der in Niederaltaich eingetretene, später heiliggesprochene Mönch Gunther im 11. Jh. gen Osten gezogen. Er gründete u.a. die Propstei Rinchnach, unterstütze seinen Verwandten, König Stephan von Ungarn, bei der Christianisierung des Landes und missionierte bei den Slawen. Hatte die Abtei also über 1000 Jahre Wege nach Osten gebaut, so sollten die Mönche nun nach dem Willen P. Emmanuels geistige Wege in den Osten bahnen: „Ich sah, daß dieses Haus nicht nur materielle Hilfe, sondern vor allem eine Aufgabe brauchte, an der es sich geistlich aufrichten konnte. Und so gab ich ihm die Aufgabe des Papstes“ (ebd.).

Nach Sondierungen und Kontaktaufnahmen fanden 1936 die ersten „Ostkirchentage“ in Niederaltaich statt. In diesem Rahmen zelebrierte Prälat Dr. Petro Werhun, Seelsorger der katholischen Ukrainer in Deutschland und seit 1938 Oblate unserer Abtei (Oblatenname Pachomius, von Papst Johannes Paul II. am 27. Juni 2001 seliggesprochen), am 20. März 1936 die erste Göttliche Liturgie im byzantinischen Ritus in Niederaltaich. Im Juli 1936 erfolgte die offizielle Anerkennung der Arbeit durch das Bayerische Generalkapitel. Auch der Abtprimas und Kardinal Tisserant, Präfekt für die Angelegenheiten der Ostkirchen, billigten die Pläne ohne Einschränkung.

Im selben Jahr erschien ein „Ostkirchlicher Werkbrief“ sowie 1939 der Sammelband „Der christliche Osten – Geist und Gestalt“. Über die Ostkirche hinaus weitete sich der Blick schnell auf die gesamte Christenheit, so dass auch Kontakte zu evangelischen Christen und Una-Sancta-Kreisen entstanden. Die intensive Verbindung mit Max Josef Metzger blieb bis zu dessen Verhaftung und Hinrichtung durch die Nationalsozialisten am 17. April 1944 bestehen. Der II. Weltkrieg fror die Einheits-Tätigkeit zunehmend ein und forderte hohen Blutzoll unter den jungen Fratres und Patres der Abtei. Br. Benedikt Arnold schrieb von der Ostfront, weinige Wochen bevor er fiel: „Ich glaube, ich muß ein Samenkorn werden für die Ostarbeit unserer Abtei.“

Nach dem Krieg begann Emmanuel Heufelder nun als Abt (1949 – 1968) u.a. mithilfe zweier neu eingetretener russischer Mitbrüder - der spätere Archimandrit Chrysostomus Blaschkewitz (1946) und Diakon Basilius v. Burmann (1949) -, eine Gruppe von Mönchen aufzubauen, die sich gemäß der Anregung von Equidem verba besonders der ostkirchlichen Arbeit widmete und den byzantinischen Ritus annahm.

In Niederaltaich war das Augenmerk von Anfang an auf die Förderung ostkirchlicher Kenntnisse und der Sehnsucht nach Einheit hier im Westen gerichtet. Das Herz der Ostkirche schlägt in der Feier des Gottesdienstes, im rechten Lobpreis. Um den westlichen Christen den Reichtum der östlichen liturgischen und theologischen Überlieferung besser zugänglich zu machen, feiern die Niederaltaicher Mönche des byzantinischen Ritus seit etwa 1959 die Göttliche Liturgie (Eucharistie) und das tägliche Stundengebet in deutscher Sprache. Dazu wurde ein Großteil der gottesdienstlichen Texte aus dem Griechischen bzw. Kirchenslawischen neu übersetzt und zum Singen eingerichtet.

Niederaltaich ist seither ein Kloster mit zwei kirchlichen Traditionen - eine Mönchsgemeinschaft, die sich aus dem Geist des Gebets, der Liturgie und der Heiligung des Lebens heraus für eine geistliche Ökumene engagiert und zur Vermittlung der spirituellen Reichtümer beider Überlieferungen beitragen möchte.

>> Ausführlicher Artikel Zum Ökumenischen Engagement der Abtei Niederaltaich – vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von P. Johannes Hauck OSB (aus: Die beiden Türme 2/2014)