Aus einer Predigt zum Fest der Theophanie

Christus ist in der Welt erschienen und hat dem ungeordneten Kosmos Schönheit verliehen und ihn erleuchtet. Die Sünde der Welt nahm er auf sich und den Feind der Welt hat er entmachtet. Geheiligt hat er die Wasser und ihre Quellen und der Menschen Seelen erleuchtet. Wunder über Wunder reihte er aneinander. Heute teilen sich Erde und Meer des Erlösers Gnade, und die ganze Welt ist von Freude erfüllt. Das heutige Fest übertrifft das vorausgegangene (der Geburt) mit noch größeren Wundern: Am vergangenen Fest freute sich die Erde über die Geburt des Erlösers, da sie in der Krippe den Herrn aller Dinge trug. Am heutigen Fest der Theophanie (der Gotteserscheinung) freut sich das Meer über alle Maßen ..., da es durch die Vermittlung des Jordan den Segen und die Heiligung empfing. ... Dort verkündete ein Stern, der im Osten aufging, die Geburt des Kindes; hier aber legt der zeugende Vater vom Himmel her Zeugnis für den Täufling ab. Dort wanderten Magier vom Osten her und brachten ihm als König Gaben dar; hier aber kommen Engel vom Himmel und bieten ihm als Gott ihren Dienst an. Dort war er mit Windeln umwickelt; hier aber löst er die Bande der Sünden. Dort zog der König das Purpurkleid des Leibes an; hier aber bekleidete die Quelle den Fluß. Kommt und betrachtet das Wunder des Paradoxons: Die Sonne der Gerechtigkeit badet sich im Jordan, das Feuer läßt sich im Wasser untertauchen und Gott läßt sich von einem Menschen heiligen. Die ganze Schöpfung ruft heute mit lautem Lobpreis: „Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ (Ps 118,26). ... 

Kommt und betrachtet die seltsame Sintflut; viel besser und gewaltiger ist sie anzuschauen als jene zur Zeit des Noah. Damals töteten die Wasser der Flut das Menschengeschlecht; hier aber erweckt das Wasser der Taufe durch den getauften Christus die Toten zum Leben. ... In Staunen versetzt mich das Übermaß der Demut des Herrn: Ihm, dem Vollkommenen aus dem vollkommenen Gott, genügte es nicht, von einer Frau als Kind geboren zu werden; ihm, der gemeinsam mit dem Vater herrscht, genügte es nicht, Knechtsgestalt anzunehmen; er kommt sogar wie ein Sünder zur Taufe. Doch ... Christus, der Herr  aller Dinge, wurde nicht getauft, weil er der Reinigung bedurfte, sondern um uns in zweifacher Weise die Gabe des Heils zu gewähren: Den Wassern verlieh er die Gnade der Heiligung und alle Menschen ermunterte er, sich taufen zu lassen. ... Nicht streng ist er, der zu uns kommt; er ist der gütige Sohn aus dem gütigen Vater. Seine Güte offenbart er nicht nur für eine kurze Zeit, um sich dann plötzlich zu ändern, sondern „sein Erbarmen währt in Ewigkeit“ (Ps 106,1).

Proklos, Patriarch von Konstantinopel († 446), Siebte Predigt zur Heiligen Theophanie, PG 65, 757 C - 760 D; dt.: Lothar Heiser: Jesus Christus – Das Licht aus der Höhe: Verkündigung, Glaube, Feier des Herren-Mysteriums in der orthodoxen Kirche, St. Ottilien 1998, 178f.