Emmanuel Maria Heufelder (1898-1982)

Am 8. September 1982, am Fest Mariä Geburt, starb in der Benediktinerabtei Niederaltaich Altabt Emmanuel Maria Heufelder. Er ging mit der gleichen leisen Selbstverständlichkeit, mit der er gelebt hatte, ganz gesammelt und doch den Menschen um ihn herum zugewandt, zugleich ganz gelöst in der vertrauenden Zuversicht, mit der er sein Leben geborgen wusste in der Liebe Gottes.

Am 30. März 1898 in Bad Tölz geboren, war Emmanuel Heufelder nach Teilnahme am 1. Weltkrieg in die Benediktinerabtei Schäftlarn eingetreten, 1934 jedoch als Prior nach Niederaltaich gesandt worden, um diesem erst 1918 wiederbesiedelten altehrwürdigen Kloster in einer Zeit der Krise eine tragfähige geistliche Ausrichtung zu geben. Dabei ging er - lange vor dem II. Vatikanischen Konzil - immer wieder unkonventionelle Schritte: sei es in seinem Bemühen um eine Erneuerung der klösterlichen Liturgie sowie des Laienmönchtums, sei es durch seine seit 1962 verwirklichte Idee, Menschen unserer Tage für einige Wochen zu einem "Kloster auf Zeit" einzuladen, vor allem aber mit seinen ökumenischen Initiativen. Altabt Emmanuel war ein Mensch, der als Schüler mit zehn Jahren ins Kloster kam, dessen ganzes Leben im wesentlichen auf sein Kloster beschränkt blieb, der aber - ganz Ohr für den Anruf Gottes und das Fragen der Menschen - mit prophetischer Sicherheit Ideen aufgriff und verfocht, die sich dann im Lichte der weiteren Entwicklung als bahnbrechend für die notwendige Erneuerung der Kirche in der Welt von heute erwiesen; ein Mensch, der zum Wegweiser wurde, weil er kein welterfahrener Taktierer war, weil er über Schwierigkeiten nicht lange nachgrübelte, sobald er irgendwo ein Zeichen erkannt hatte, das ihm die unerschütterliche Gewissheit gab: So ist es der Wille Gottes. Diesem einmal erkannten Willen Gottes gehorsam, ging er seinen Weg mit der Unbefangenheit eines Kindes. Und wo andere den Kopf schüttelten, erfuhr er als Geschenk die "herrliehe Freiheit der Kinder Gottes", die ihn unbeirrt alle Widerstände überwinden ließ. Er selbst sah diese Freiheit vorgezeichnet in der Gestalt Abrahams, des Vaters aller Glaubenden, und in Maria, Urbild des Glaubens im Neuen Testament. Ihren Namen hat er als Abt seinem Namen Emmanuel bewusst hinzugefügt - so mit dem Namen der geistlichen Vaterschaft die Mütterlichkeit verbindend.

Ein Teilnehmer von "Kloster auf Zeit" schrieb, als er vom Tode Abt Emmanuels erfuhr, rückblickend: "Er kam mir damals vor wie ein gütiger Mann von einem anderen Stern, der die Gewissheit und Zuversicht hatte, den richtigen Weg zu gehen. In lebhafter Erinnerung sind mir seine Vorträge - wobei ’Vorträge‘ ein zu schwaches Wort ist. Vielleicht darf ich das große Wort ’Vision‘ hier verwenden. Er sagte damals, es müsse doch möglich sein, dass die Welt wieder christlich werde. Als Fernstehender wurde mir deutlich, dass ich mich in der Mehrheit befand; ich hatte bis dahin umgekehrt empfunden. Meine sogenannte katholische Sozialisation hatte mir den Glauben als eine Sache vermittelt, die mit Angst vor Strafe und rationalen Entschlüssen sowie Willensakten viel zu tun hatte. Und da stand der kleine alte Mann mit den funkelnden Augen und der heiser klingenden Stimme vor uns und vermittelte mir den Eindruck, dass am Anfang des Glaubens das Hören steht. Dass eigentlich jeder hören kann, nicht wenn er will, sondern wenn er nur mal still ist. Und dass diese Botschaft, die zu hören ist, aus ihrer eigenen Stärke heraus die Welt verändern kann. - In der Kirche wirkte der Altabt noch kleiner, fast zerbrechlich. Und trotzdem war er, wie es in der Todesanzeige heißt, ’ein lieber Vater‘, ein Vater in einer ’vaterlosen Gesellschaft‘. Zum ’Vater‘ gehört auch die Distanz, die aus meiner Sicht da war. Diese Distanz ermöglichte es ihm, den ’Sohn‘ dem unvermittelten Hören zu überlassen."

Aus dem Hören - ganz Ohr für das, was der Geist den Gemeinden sagt - erwuchs auch die ökumenische Offenheit Emmanuel Heufelders. Liebe sucht sich mitzuteilen, und Liebe will empfangen im gegenseitigen Austausch der Gaben des göttlichen Geistes: Das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit, ihre Liebesgemeinschaft in der Verschiedenheit der Drei Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist, und dass wir in dieses Geheimnis hineingenommen sind, das war die Mitte, aus der sein Glaube lebte. "Die ersten Anfänge der ökumenischen Arbeit Niederaltaichs liegen, ohne dass ich es ahnen konnte, in meinem Noviziatsjahr", schrieb Abt Emmanuel rückblickend: "Ich beschäftigte mich damals sehr mit dem Johannesevangelium und war stark beeindruckt von der Bitte des Herrn im Hohenpriesterlichen Gebet, dass ’alle eins sein‘ sollen. Sie erschien mir als unmittelbarster Ausdruck des Zieles der Schöpfung und Erlösung, die Menschheit zu einer Einheit zusammenzufassen, die ein Abbild der Einheit der göttlichen Personen in der Trinität sein sollte: ’sie sollen eins sein, wie wir eins sind‘. Ich erinnere mich nicht, das Wort ’Ökumene‘ oder ’ökumenisch‘ damals gelesen oder gehört zu haben, auch nicht in den Jahren des theologischen Studiums Anfang der 20er Jahre an der Universität München. In den Vorlesungen, besonders in der Kirchengeschichte, wurden uns die Spaltungen in der Christenheit und die Verschiedenheiten der christlichen Konfessionen sachlich vorgetragen. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass auch nur der Gedanke ausgesprochen wurde, dass etwas geschehen könnte oder müsste, um diese Spaltungen einmal wieder zu beheben. "In Christo unum" - "Eins in Christus": das war nicht nur der Wahlspruch Abt Emmanuels, das war seine Leidenschaft. Er litt unter der Gleichgültigkeit, mit der dieses Herzensanliegen Christi so oft in der Kirche verhallt.

Am Benediktustag, 21. März 1924 rief Papst Pius XI. mit seinem Apostolischen Schreiben "Equidem verba" unter Hinweis auf Joh 17 die Benediktiner zur Mitarbeit am Werk der Einigung der Kirchen des Ostens und des Westens auf. Als Emmanuel Heufelder 1934 nach Niederaltaich kam, bot sich ihm Gelegenheit, die Anregungen des Papstes aufzugreifen. Sein Unternehmungsgeist brachte ihn schnell in Kontakt mit vielen, die damals in Deutschland ein besonderes Interesse für die geistliche Tradition der Kirchen des Ostens zeigten. Am Anfang stand eine enge Zusammenarbeit mit Akademikern und Studenten - zum großen Teil Theologen - aus dem ND-Älterenbund, der aus der katholischen Schülertradition "Neudeutschland" hervorgegangen war. Die ND-Älterenbund war von zwei Seiten her zur Beschäftigung mit den Kirchen des Ostens gekommen: angeregt einmal durch die Ostkirchentage in den Priesterseminaren, zum anderen durch seine Arbeit unter den Volksdeutschen in den Gebieten Südosteuropas, in denen auslandsdeutsche römische Katholiken mit Christen unierter wie auch orthodoxer Ostkirchen zusammenleben. Soweit das damals möglich war, besuchte Prior Emmanuel selbst in den Jahren 1935 und 1938 solche Länder Südosteuropas. Im März 1936 fanden in Niederaltaich erstmalig Ostkirchentage statt, im November des gleichen Jahres folgte ein "Ostkirchlicher Werkbrief". Darin schrieb Prior Emmanuel: "Unionsarbeit ist uns persönliche Gewissenssache, weil wir die Spaltung der Christenheit als die brennendste Not der Gegenwart empfinden und in ihrer Überwindung die dringendste Aufgabe der jetzigen christlichen Generation sehen. Unionsarbeit legt uns auch persönlich aszetische Verpflichtungen auf weil zu ihr, wenn sie fruchtbar sein soll, eine entsprechende seelisch-aszetische Einstellung unerlässlich ist." Theologisch sei die Klärung des "Kirchenbegriffs" für die Union von entscheidender Bedeutung. Dazu sei es nötig, auch Sätze und Thesen zu bringen, die Widerspruch herausfordern müssen und angegriffen werden können, eben damit ein ernstes Ringen um die rechte Erkenntnis und eine klärende Aussprache darüber erwachse.

Eine weitere beachtenswerte Publikation ist der 1939 von J. Tyciak, G. Wunderle und P. Werhun auf Anregung Heufelders im Verlag Friedrich Pustet herausgegebene Sammelband "Der christliche Osten. Geist und Gestalt", für den er selbst einen Aufsatz verfasste: "Das Band der Einheit. Ein benediktinischer Beitrag zum Unionsproblem". In Niederaltaich ist aus diesen Anfängen nach dem II. Weltkrieg eine eigene "Dekanie" von benediktinischen Mönchen im byzantinischen Ritus gewachsen, die ihre Präsenz in einem abendländischen Kloster als "gelebte Vermittlung" versteht.

Das ökumenische Institut der Abtei Niederaltaich beschränkt sich freilich nicht auf die Beschäftigung mit den Kirchen des Ostens. Es hat ebenso die im Abendland entstandenen konfessionellen Gegensätze und die hier wirksamen geistlichen Impulse im Auge. Hierzu erhielt Emmanuel Heufelder seit 1938 die entscheidenden Anstöße durch Kontakte zu verschiedenen Una-Sancta-Kreisen und besonders durch die Begegnung mit Max Joseph Metzger, der 1939 die "Una-Sancta-Bruderschaft" ins Leben rief, "eine lose, geistige Gemeinschaft all derer, die eine Verständigung der christlichen Bekenntnisse anstreben" und als deren "Rundbrief" unsere Zeitschrift UNA SANCTA nach dem Krieg entstanden ist. 1939 und 1940 nahm Emmanuel Heufelder an den Meitinger ökumenischen Gesprächen teil, und im August 1947 fand zum ersten Mal in Niederaltaich eine größere Una-Sancta-Tagung statt. Auf der "Una-Sancta-Veranstaltung" während des Eucharistischen Kongresses in München 1960 - zu Beginn des Pontifikates Johannes XXIII. - durfte Abt Emmanuel erfahren, dass das ökumenische Anliegen inzwischen weite Kreise in der katholischen Kirche unseres Landes erfasst hatte. Mario von Galli nannte ihn damals in einem Rundfunkkommentar den "ökumenischen Abt Deutschlands".

Mit Vollendung seines 70. Lebensjahres hat Emmanuel Heufelder 1968 die Leitung seines Klosters in jüngere Hände gelegt. Doch waren ihm noch mehr als 14 Jahre in erstaunlicher geistiger und körperlicher Lebendigkeit vergönnt. Er hat sie unter ein Wort des von ihm so hoch verehrten Papstes Johannes XXIII. gestellt: "Auch die letzte Lebensspanne will gläubig gelebt werden. Sie ist die Vigil vor dem Fest der Ewigkeit." Auch in dieser Zeit durfte er ein ökumenisch-weltweites Echo auf sein Wirken und viele Zeichen der Verehrung und des Dankes erfahren - ganz persönlich von vielen einzelnen Menschen, aber auch seitens der Öffentlichkeit: durch die Ehrenpromotion zum Doktor der Theologie seitens des katholisch-theologischen Fachbereichs der Universität Regensburg, durch die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes und des Bayerischen Verdienstordens, aber auch der Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Niederaltaich, des Lebensraumes, mit dem das Kloster ja aufs engste verflochten ist. Seine Mitbrüder haben ihm zweimal eine Festschrift gewidmet: 1968 unter dem Titel HÖREN SEIN WORT und 1978 unter seinem Leitwort EINS IN CHRISTUS.

Letztere enthält auch eine umfassende Bibliographie und von ihm selbst aufgezeichnete Erinnerungen. In drei kleinen Büchlein hat er unter den kennzeichnenden Titeln "Weite des Herzens" (1971, ²1979), "Christus in euch" (1976, ²1982) und "Das Geheimnis der Dreifaltigkeit" (1979) noch einmal zusammengefasst, was er oft und oft seinen Zuhörern vorgetragen hat. Prof. Dr. Norbert Brox von der Theologischen Fakultät Regensburg sagte in seiner Ansprache während der Trauerfeierlichkeiten über Abt Emmanuel: "Was er gegeben hat, können nicht viele geben - Impulse für ein Christsein jetzt, konkrete Wege, die viele gehen können, für die sie eine Weisung brauchen -, und das so ganz unfanatisch, aus einem profunden, liebenden Herzen. Das Herz dieses Mannes sprach zu jedem, der ihm begegnete. Aus ihm sprachen die Humanitas und die Christianitas, die sein benediktinisch-monastisches Erbe waren und zugleich der ihm eigene Glaube."